Younow.com: Peepshow aus dem Kinderzimmer

Younow Stream aus dem Klassenzimmer06.02.2015 - Das Videoportal YouNow richtet sich an Kinder ab 13 Jahren, die sich live via Webcam oder Handy zur Schau stellen, um Likes von den Zuschauern zu erhaschen. Erfolgreich ist, wer dabei auch was Verrücktes macht: Singen, Cool sein oder eben aus der Badewanne zu senden. Dass etwas verboten ist, heißt noch lange nicht, dass es bekämpft wird.

Wer schon über 20 oder 30 Jahre alt ist, hat anfangs Schwierigkeiten nachzuvollziehen, was Kinder und Jugendliche dazu motiviert, stundenlang vor der Webcam im Kinderzimmer zu sitzen und immer wieder die gleichen Fragen zu beantworten: Wie alt bist du? Wo kommst du her? Was hast du für Piercings? Hast du einen Freund? Rasierst du dich?

Fans, Likes und Zuschauer reichen tatsächlich als Anreiz aus. Jetzt sollte man nicht glauben, dass die Mädels (Jungs sind auch da aber seltener) sofort alle Hüllen fallen lassen, wenn ein Unbekannter dazu auffordert. Die anzüglichen Bemerkungen „Zeig mal BH" oder „Zeig mal deine Fußsohlen" werden normalerweise ignoriert. Ein Zuschauer fragte ein Mädchen: „Was glaubst du eigentlich, wer hier die Zuschauer sind und was die dabei machen?" Darauf Jana2002: „Jungs, Mädchen, Gleichaltrige und natürlich die Pädophilen. Die schicken einem dann immer Bildchen." erwidert sie schulterzuckend, als wären Pädophile eine unvermeidbare Lästigkeit des Alltages.

Dass die Alten sich Sorgen machen, können die Broadcaster kaum nachvollziehen. Man ziehe sich schließlich nicht aus und würde sich niemals mit einem Perversen verabreden. Wofür also zusätzlicher Schutz oder gar ein Verbot von YouNow? Die User halten weder YouNow noch die Spaßvögel und Pädophilen für eine Gefahr.

Was macht der Gesetzgeber? Gesetze

Als die ersten Fälle von Annäherungsversuchen über Chats durch die Medien gingen, reagierte der Gesetzgeber mit der Verschärfung des Strafrechts. Mindestens drei Monate bis fünf Jahre drohen demjenigen, der auf ein Kind unter 14 Jahren online einwirkt, um es zu sexuellen Handlungen zu bringen. Diese Absicht lässt sich in der Praxis natürlich nie beweisen. So müsste eigentlich jedes Mal der Staatsanwalt aktiv werden, wenn ein Zuschauer – wie oft - bei younow.com „ausziehen" in die Tastatur hämmert.

Erst Ende Januar trat ein neues Gesetz in Kraft, mit dem das Sexualstrafrecht erneut verschärft wurde: Das Herstellen von Fotos mit nackten Minderjährigen steht jetzt bereits unter Strafe, wenn es gegen Entgelt erfolgt. Früher war noch die Qualifikation als Pornografie erforderlich und bei Kinderfotos musste interpretiert werden, ob eine widernatürliche Geschlechtsbetonung vorliegt. Mit dem neuen „Edathy"-Gesetz hat der Gesetzgeber diese Abgrenzung abgeschafft und jede Nacktheit von Personen unter 18 Jahren zum Tatbestandsmerkmal erhoben. Die einzige Einschränkung ist nunmehr die Entgeltlichkeit, mit der das Bild oder der Film verschafft wird. Ein Entgelt muss aber kein großer Betrag sein. Werbeeinnahmen, Credits, Younow Coins oder andere geldwerte Vorteile reichen schon aus, um sich nach § 201a StGB strafbar zu machen. Die abgebildete Person selbst braucht diesen Paragrafen nicht zu fürchten, wohl aber die weiter geltenden Regelungen zur Kinder- und Jugendpornografie.

Die Grenze zwischen Opfer und Täter verläuft im Internet oft unbemerkt. Dass eine Videosexshow nicht folgenlos bleibt ist den meisten Teilnehmern bewusst, was sie jedoch meistens übersehen ist: Urheberrechtsverletzungen werden viel stärker und konsequenter verfolgt als Persönlichkeitsverletzungen und Sexualdelikte. Wer in seinem Videostream Fernsehen oder Musik laufen lässt oder sogar selbst Stücke covered kann wegen der Verletzung von Urheberrechten abgemahnt werden. Das Verfolgungsinteresse für Rechteinhaber und Abmahnanwälte ist hier weitaus höher, da hier schließlich Geld zu verdienen ist. Hier funktioniert plötzlich die Rechtsverfolgung im längst nicht mehr anonymen Internet, wenn Gerichte wegen vorgeblicher Urheberrechtsverletzungen im Standardverfahren die Herausgabe von Adressdaten anordnen.

Auch das heimliche Übertragen von Gesprächen oder Schulstunden kann nach § 201 StGB strafbar sein. Das Smartphone kann ein Abhörgerät sein. Es braucht also noch gar keine Bildübertragung, Ton reicht für Strafbarkeit.

Muss man etwas gegen YouNow unternehmen? Kann man überhaupt etwas unternehmen?
YouNow selbst wiegelt ab: Man habe Moderatorenteams, die rund um die Uhr alles überwachen. Tatsächlich konnten wir miterleben, dass eine auf allen Kanälen beworbene Liveübertragung aus der Badewanne schon nach einiger Zeit gestoppt wurde; da hatten sich schon tausende Zuschauer eingeschaltet.

Und die Ermittlungsbehörden?

Bei Ermittlungen mit Auslandsbezug ist das Verfolgungsinteresse meist gering. Der Aufwand ist hoch und muss mit dem Wert des verletzten Rechtsguts abgewogen werden. Die Täter und Opfer könnten ja auch im Ausland sitzen und sind nicht ermittelbar. Dass dies eine faule Ausrede ist, zeigt der Fall kino.to, wo es durchaus gelungen ist, ein internationales Servernetzwerk lahm zu legen und die Hinterleute in Neuseeland dingfest zu machen. Da ging es aber auch um Urheberrechtsverletzungen von Kinofilmen und Serien.
Experten appellieren an die Verantwortung der Eltern, die ihren Nachwuchs besser überwachen sollen. Dabei stoßen sie jedoch nicht nur auf Unverständnis der Teenager, sondern auch oft auf technische Übermacht. Die YouNow-App lässt sich in wenigen Sekunden installieren und deinstallieren. Ein eigenes Smartphone ist auch gar nicht erforderlich, viele Sendungen sind Co-Produktionen von Duos, Gruppen oder ganzen Schulklassen, wobei Lehrer und Mitschüler oft nicht einmal wissen, dass ihr Unterricht unter der Bank live übertragen wird.

Videoportale haben uns schon häufiger in der anwaltlichen Praxis beschäftigt. Einmal wurde der Fall an uns herangetragen, dass ein Portalbetreiber in seinen Geschäftsbedingungen vierstellige Vertragsstrafen vorsieht, wenn jemand gegen die Netiquette verstößt. Angeblich würden Moderatoren dann aber extra Mitglieder dazu animieren, die Hosen runterzulassen, um dann mit den Beweisfotos die Vertragsstrafe einzufordern. Auch die Verbreitung von unvorteilhaften Lehrerfotos über soziale Medien hat uns beschäftigt: Eine Lehrerin erstattete Strafanzeige gegen einen 13-jährigen Schüler, der ihren kreideverschmierten Hintern fotografiert hatte. Das Verfahren wurde natürlich wegen fehlender Strafmündigkeit sofort eingestellt. Wir gehen davon aus, dass uns YouNow künftig öfter beschäftigen wird.

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