Kommentar: Redtube-Abmahnungen beenden die Unbekümmertheit im Netz

11.12.2013

Chan-jo Jun-kleinDie neuen Porno-Abmahnungen der Kanzlei Urmann+Collegen sind ein Meilenstein im Überwachungssystem. Zum ersten Mal wurde wohl Spionagesoftware dafür verwendet, um mit gerichtlicher Hilfe angebliche Rechtsverletzungen aufzudecken. Seit der letzten Woche kann kein Mensch mehr darauf vertrauen, dass sein Onlinehandeln unbeobachtet und unverfolgt bleibt.

 

Dass die NSA auf der Suche nach Terroristen ein bisschen zu viel Beifang im Netz sammelt hat die meisten Bürger nicht sonderlich beeindruckt. Auch heute werden noch einige sagen "Redtube oder Pornos? interessiert mich nicht und betrifft mich nicht". Dies mag aber schon anders sein, wenn die nächste Spyware ausspäht, dass jemand "The Big Bang Theory" oder Bundesligaspiele via Stream auf einer dieser "Geheimtipp-Seiten" angeschaut hat und dafür Strafe zahlen soll.

Bis letzte Woche hat jeder die Rechtswidrigkeit von Streaming für praktisch irrelevant gehalten, weil es an den Verfolgungsmechanismen fehlt. Die IP-Adresse ist nur dem Serverbetreiber bekannt und lässt sich nicht wie beim Filesharing über jeden anderen Computer auf der Welt ermitteln.

Muss ich damit rechnen, dass jede Seite die ich besuche registriert, gemeldet und zivilrechtlich verfolgt wird? Ja, jetzt schon.

Sollte mich der Staat nicht davor beschützen? Nein. Der Staat, der ein Rückzugsraum für kleine Illegalitäten für schützenswert erachtet, ist nicht mehr gefragt. Wenn es um Verbrechensbekämpfung geht, muss die Privatsphäre zurückstecken. Betroffen fühlt sich zunächst keiner, man ist ja kein Terrorist, kein Kinderschänder oder schaut keine Pornos. Bei Urheberrechtsverletzungen kommen die Einschläge jedoch spürbar nah auch an das anständige Bürgertum. Möchten Sie wirklich, dass ein Trojaner die E-Mails auswertet und an zweifelhafte Abmahnkanzleien weiterleitet? Wer eine IP-Adresse ausspähen kann, kann auch Ihr Mikrophon einschalten oder Videoclips von Ihnen und Ihren Kindern verbreiten. Bei den massenhaften Auskunftsverfahren fallen kleine Unregelmäßigkeiten nicht auf. Die Richter verstehen offenbar die technischen Zusammenhänge nicht, über die sie entscheiden müssen oder sind tatsächlich der Auffassung, dass die Behauptung einer Urheberrechtsverletzung ausreicht, um jeden Datenschutz über Bord zu werfen.

Die Internetwelt hat sich in dieser Woche ein wenig verändert. Die Unbekümmertheit ist vorbei.


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