Kommentar zu Pistorius: Freilaufende Mörder sind besser erträglich als Heuristiker

12.09.2014 - Immer wenn ein Prozess von den Medien begleitet wird, weiß ein großer Teil der Leser und Zuschauer schon bei Prozessbeginn wie das einzig richtige Urteil ausfallen kann. Die Erkenntnisse im Prozess sind ungeeignet, die lieb gewonnene Vorverurteilung auszuräumen. Von einem guten Richter erwartet der Selbstgerechte dann, dass er sich nicht von überbezahlten Staranwälten einlullen oder der Prominenz blenden lässt.

Zugegeben: Es fällt außerordentlich schwer als Außenstehender zu glauben, dass Herr Pistorius wirklich nicht für möglich gehalten hatte, dass er auf seine Freundin schießt. Noch schwerer war es aber offenbar für das Gericht alle Zweifel an einen wenigstens bedingten Tötungsvorsatz auszuräumen. Im aufgeklärten Strafverfahren kommt es nicht darauf an, welche Fassung die wahrscheinlichere ist, sondern ob die Schuld zweifelsfrei ist. Gerade hier wird die rechtsstaatliche Zurückhaltung für viele Bürger unerträglich: Wenn das milde Urteil mit gewisser Wahrscheinlichkeit aber nicht mit Sicherheit den Schuldigen schont.

Man muss kein fanatischer Liberaler sein, um den „in-dubio-Grundsatz“ zu ehren. Oft genug erleben wir Juristen, dass nicht nur im Bierzelt, sondern auch im Gerichtssaal Überzeugungen nach Heuristiken gebildet werden und Zweifel nur deswegen nicht gesehen werden können, weil die nötige Offenheit oder Selbstdisziplin fehlt. Das ist menschlich, verständlich aber noch schwerer zu ertragen als nicht überführter Mörder.


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